Komm mit mir ins Licht – die Costa de la Luz erwacht aus ihrem Winterschlaf

Nach rund einem Dutzend Abschiedsessen entdecke ich immer noch gemeinsam mit meiner „Camping-WG“ die Schönheiten der Atlantikküste entlang der Costa de la Luz.

In der Heimat des Sherrys

Als GourmetCamperin komme ich im „Marco de Jerez“, dem Gebiet zwischen den Städten Jerez de la Frontera, Puerto de Santa Maria und Sanlúcar de Barrameda auf meine Kosten. Trinkst Du Sherry? Ist das nicht das Getränk, das in den Edgar-Wallace-Filmen gereicht wird, kurz bevor der Schloßherr tot über seinem Teller zusammenbricht?

Bei TripAdvisor lese ich gute Rezensionen über eine Bodega. Ohne Rücksicht auf so banale Dinge wie geänderte Öffnungszeiten wegen Corona folgen Sabine und Manni meinem Navi und mir und wir landen einige Kilometer außerhalb von Jerez de la Frontera in dem Weingut Luis Pérez mit endlosem Blick über die Weinreben. Es ist nichts los – das liegt auch daran, daß die Bodega – wie so vieles anderes – geschlossen hat. Das bedeutet nicht, daß dort nicht gearbeitet wird und mit etwas weiblichem Charme und den neu erworbenen Spanisch-Vokabeln erhalten wir eine Gratis-Führung – allerdings ohne die typische Verkostung, die ich bei der nächsten Gelegenheit nachholen möchte.

Zu dieser gastfreundlichen Bodega Luis Pérez werde ich beim nächsten Andalusientrip zurückkehren.

Vom Kellermeister lassen wir uns eine der wenigen geöffneten Bodegas sowie einen Parkplatz in der Innenstadt von Jerez de la Frontera empfehlen, einen, den wir mit einem Wohnmobil anfahren wollen. Merke: Ebenso wie die spanischen Zeitangaben nicht zwingend mit den deutschen übereinstimmen, versteht ein Spanier unter einem CAMPER ein deutlich kleineres Gefährt als meines. Brav seiner Empfehlung als ortskundigem Einheimischem folgend schwitzte ich Blut und Wasser und fahre über manche Bordsteinkante, um aus dieser beschaulichen Stadt wieder herauszukommen. Ich war als mein eigener Schutzengel an Bord – sowohl fremde als auch mein eigenes Fahrzeug sind heil geblieben.

Auch wenn man nach Jerez hauptsächlich wegen der andalusischen Pferde, der Flamenco-Shows oder zum Besuch einer Bodega kommt, zeigt sich die Stadt auch so von ihrer schönen Seite.

Unsere Sherry-Verkostung erhalten wir völlig unkompliziert in „La Casa del Jerez“. Anhand verschiedener Weinfässer lernen wir, daß man nicht einfach einen Sherry bestellt, sondern je nach Gusto einen gekühlten Fino (der typischste Sherry), einen Manzanilla (wird ausschließlich in Sanlúcar de Barrameda hergestellt), einen bernsteinfarbenen Amontillado, einen Oloroso (mit wohlriechendem Nuß-Aroma), einen lieblichen Cream (die süße Variante des Olorosos) und zum Dessert den Pedro Ximénez (schmeckt wie Rosinensaft und verleiht seither meinem Eiskaffee Frappé eine besondere Geschmacksnote). Die 15€, die wir für eine Führung in einer der bekannten Bodegas ausgegeben hätten, investieren wir in mehrere Flaschen Sherry. Fürs stilechte Genießen gibt uns Francisco noch je eine Copita (das Glas, in dem sich das Sherry-Aroma optimal entfalten kann) gratis dazu.

Unbezahlte Werbung für La Casa del Jerez, wo Francisco uns einen lehrreichen Sherry-Nachmittag bereitet hat.

Willkommen in der ältesten Stadt Europas

Über die Ponte de la Constitución de 1812 nähere ich mich Cadíz. Die Hafenstadt ist sowohl die älteste Stadt auf der iberischen Halbinsel als auch von ganz Europa. Manch einer vermutet hier das sagenumwobene Atlantis oder zumindest den Eingang zur Unterwelt aus der antiken Mythologie. Für Christoph Kolumbus war Cadíz Ausgangspunkt für einige seiner Expeditionen in die Neue Welt.

Am Stadtstrand Playa de la Caleta könnte jederzeit Halle Berry im sexy Bikini mit dem weißem Gürtel aus dem Meer schreiten und James Bond den Kopf verdrehen – diese Szene aus dem Bondfilm „Stirb an einem anderen Tag“ wurde hier gedreht. Die angeblich karibische Strandbar ist das Balneario aus den 1920-er Jahren. Aber daß Hollywood die günstigeren Produktionskosten in Andalusien schätzen lernte, weißt Du ja bereits seit meinem Besuch in Mini-Hollywood in der Wüste von Tabernas.

Eine Küste befindet sich im Winterschlaf

In der Touristenhochburg Novo Sancti-Petri herrscht tote Hose – und das nicht nur wegen Corona. Die Temporada, die Saison, hat noch nicht begonnen. Alle Hotels sind verwaist und vor der geschlossenen Filiale einer spanischen Supermarktkette erwarte ich, daß der Wind einen Heuballen durchs Dorf treibt. Der einzige Ort, an dem sich Menschen befinden (der Begriff „tummeln“ wäre angesichts der bescheidenen Anzahl an Wohnmobilisten übertrieben) ist ein Parkplatz, der bei Park4Night als „für Wohnmobile verboten“ gekennzeichnet ist. Ohne die Ermunterung einer Einheimischen hätten wir als gesetzestreue Deutsche diesen mit Sicherheit nicht angefahren und damit unvergessliche Sonnenuntergänge und ungestörte Nächte verpasst.

Ebenfalls auf Empfehlung von Ania, der Deutschen, die mit ihrer Familie in der Nähe lebt und die mir einen Abend in meinem Wohnmobil Gesellschaft leistet, suchen wir in dem verschlafenen Hippie-Dörfchen Los Caños de Meca den Levante Street Market auf. Der fällt zwar etwas kleiner aus als ich erwartete, dafür begeistert mich die Atmosphäre unter den Kitesurfern und ich verliebe mich – mal wieder – in die entspannte Lebensart Andalusiens.

Der Levante Street Market findet samstags ab 10 Uhr statt.

Beim Spaziergang zum Cabo de Trafalgar schließe ich eine Bildungslücke. Aus meiner Studienzeit in London ist mir der Trafalgar Square mit seiner „Nelson’s Column“ bestens bekannt. Aber hätte ich Trafalgar nach Spanien bzw. nach Andalusien verortet? Wo heute der Leuchtturm steht, hat sich vor der Küste der englische Admiral Horatio Nelson eine Seeschlacht gegen die französisch-spanische Flotte geliefert, die er zwar am 21. Oktober 1805 gewann, für die er jedoch sein Leben lassen mußte.

Weitere Abstecher führen uns nach Conil de la Frontera und Vejer de la Frontera. Die Ortszusätze „de la Frontera“ kommen aus der Zeit, als Andalusien sowohl unter spanischen als auch arabischen Mächten aufgeteilt war. Außer uns Fußgängern trauen sich nur ein paar Mopedfahrer durch die engen Gässchen entlang der weiß getünchten Hauswänden, daher ist alles sehr beschaulich.

Spanische Vorschriften im Wechsel der Jahreszeiten

In Spanien patrouilliert die Policía bzw. Guardia Civil regelmäßig auf den Parkplätzen und schaut nach dem Rechten. Noch nie bin ich von einem Freisteh-Platz vertrieben worden. Ein einziges Mal sind sie direkt auf mich zugekommen und haben mich mit „Mascerilla“ an die Einhaltung der Maskenpflicht erinnert, als ich mich ohne Maske vor dem Wohnmobil aufhielt. Durch die flexible Auslegung spanischer Vorschriften befinden wir Wintercamper uns gerade in einer Grauzone, die uns allerdings an der Costa de la Luz die schönsten Plätze direkt am Meer beschert.

Mein (Über-)Mut beim Freistehen wird etwas gedämpft, als ich erfahre, daß der Parkplatz am Strand von Bolonia, auf dem wir übernachtet haben, wenige Tage nach unserem Besuch von der Polizei geräumt wurde und alle Camper wegfahren mußten.

Das Tor mit der Höhenbegrenzung auf 2,20 Meter wird im Winter umfahren.
Wir waren nicht die einzigen, die mit Meeresrauschen einschlafen und aufwachen wollen.

Neben den idealen Surfbedingungen gibt es zwei weitere Gründe, weshalb Bolonia von Einheimischen und Touristen frequentiert wird: Die Wanderdüne und die Ruinen der antiken Stadt Baelo Claudia. Den Schwaben freut’s: Der Eintritt zur Ausgrabungsstätte ist für EU-Bürger frei – hierfür hätte ich mit Latein als Leistungskurs auch bereitwillig Eintritt gezahlt.

Die Wellen vor Bolonia
Wanderdünen gibt es nicht nur an der Ostsee, sondern auch am Atlantik.

Reisen bildet! Hast Du schon einmal von Garum gehört? So wie ich es verstehe, kommt die asiatische Fischsauce dem Geschmack wahrscheinlich am nächsten. Leider konnte ich die Paste noch nirgends kosten oder kaufen – mein GourmetCamper-Herz blutet!

Wind – Des Surfers Freude und des Spaziergängers Leid

Bereits vor Tarifa deaktiviere ich im Handy die „automatische Netzauswahl“. Nur 14 Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt wählt sich der Mobilfunk auch mal ins marokkanische Netz ein und dann könnte mein Aufenthalt durchs Daten-Roaming teuer werden.

Hallo nach Marokko!

In Tarifa treffen sich Mittelmeer und Atlantik und es herrscht Wind – sehr viel Wind. Die Kitesurfer im Atlantik freut’s, wir bekommen auf dem Steg zur Isla de las Palomas (dem südlichsten Punkt Kontinentaleuropas) eine ordentliche Dusche ab. Der geplante gesellige Abend in der Altstadt fällt dem Kleiderwechseln und -trocknen zum Opfer und wir starten am nächsten Tag erneut.

In der Altstadt gönnen uns ein Freilufterlebnis, indem wir den Einheimischen während ihrer Siesta Gesellschaft leisten und uns durchs fangfrische (Thun-)Fisch-Sortiment schlemmen.

Auf Gibraltar sind die Briten nur einen Steinwurf entfernt

Wegen Brexit, Corona oder Affen im Winterschlaf – es gibt Gründe, weshalb sich dieses Kuriosum aus längst vergessenen Kolonialtagen vor mir verschließt. Mir bleibt der britische Radiosender, der mich in bestem Oxford-Englisch informiert, wo ich mich als eine der 28.000 Permanent-Residents für die Corona-Impfung anmelden könnte. Ich gönne mir den Blick von der Bay of Gibraltar auf den 426 Meter hohen Felsen und reise ab jetzt wieder am Mittelmeer (statt Atlantik) weiter.

Mittlerweile sind 11 Monate meines Sabbaticals bereits vorüber. Dafür, daß es vor einem Jahr ziemlich mau für meine Reiseplanung ausgesehen hat, bin ich sehr zufrieden, wieviel ich trotz aller Umstände reisen, erleben und lernen durfte. Dabei gäbe es noch so viel zu entdecken. Die ganze Küste nördlich von Cadíz – hebe ich mir fürs nächste Mal auf.

Jeder Kilometer führt mich nun wieder zurück nach Nordosten, teilweise am Mittelmeer entlang, teilweise ins Hinterland – auf jeden Fall Richtung Heimat. Ich sollte anfangen, meine Reiseabschnitte zu takten, was mir nach all den Monaten sorglosen Umherfahrens schwer fällt und ich bedaure, daß ich nicht mehr bei jedem hübschen Flecken einen Stop einlegen kann.

Auf jeden Fall bringe ich den Frühling nach Deutschland mit – ich hoffe, Du freust Dich darauf!

2 Kommentare

  1. So stell ich mir „verliebt sein“ vor. Eine .vertraute Beschreibung, die dich an Orte mitnimmt, wo du auch schon warst und die du jetzt noch einmal kennen lernen darfst.
    Dankeschön für die erfrischende Beschreibung, das macht Lust auf unserer Rückreise, dort wieder .einen Abstecher zu machen .

    1. Ja, das kenne ich.
      Ich habe mir vor ein paar Tagen eine Reportage über Andalusien angesehen, Teil 1 wurde an allen Orten aufgenommen, an denen ich war. Ich bin ins Schwärmen gekommen. Und Teil 2 zeigte mir Orte fürs nächste Mal auf.
      Danke fürs Begleiten und eine gute (Rück-)Reise!

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