Oh Du fröhliche – Mit dem Camper in Spanien Weihnachten, Silvester und Heilige Drei Könige feiern

Seit einigen Wochen reise ich nicht mehr alleine. Im andalusischen Carboneras habe ich mich 5 abenteuerlustigen Campern aus Deutschland angeschlossen. Seither teilen Sabine, Manfred, Dirk, Michael, meine Namensvetterin Ulrike mit ihrem Hund Dino und ich Camping-Freud und Corona-Leid und entdecken gemeinsam spanische Festtagsbräuche.

 
In Feiertagslaune mit meinen GourmetCampern

Uns verbindet die Freude am Reisen im Wohnmobil, die Sehnsucht nach Sonne und Wärme im Winter, die Abenteuerlust und das Experimentieren mit den kulinarischen Angeboten, die uns Andalusien bietet. Mich unterscheidet von den fünfen, daß ich als einzige ohne E-Bike unterwegs bin (dafür mit einem Aufmerksamkeit erregenden Monowheel) und daß ich bald in meinen Job zurückkehren werde und keine Pläne fürs Überwintern in Spanien 2021/22 schmieden kann.

Mit Micha, Sabine & Manni, Dirk, Dino und Ulrike im Nationalpark Cabo de Gata – unser erstes gemeinsames Foto.
Mit Ulrike, Dirk, Micha, Manni & Sabine auf dem Castillo von Salobreña.
Sundowner in Motril mit Dirk, Manni & Sabine und Micha – im Hintergrund die schneebedeckten Berge der Sierra Nevada.
Wir verkosten unseren ersten selbst gemixten Tinto de Verano – unser neues Lieblingsgetränk.

In Cabo de Gata geht mir das Gas aus. Ich finde keine Tankstelle, die mir meine deutsche Flasche befüllen darf, dafür kann ich mir gegen 50 € Pfand eine spanische Gasflasche leihen. Was mir noch fehlt, ist ein „regulador“, der auf die spanische Flasche gesteckt wird, erst dann kann ich meinen deutschen Schlauch mittels Adapter an die Flasche anschließen. Manni bietet mir ein „Wohnmobilfenster-Geschäft“ (Achtung Wortspiel: Haustür-Geschäft) an und ich kaufe ihm einen „regulador“ ab.

¡Felices Fiestas! – Feiern auf Spanisch

Heiligabend hat in Spanien weniger Bedeutung als in Deutschland, daher feiern wir diesen auf einem Camperpark inmitten anderer Touristen. Das Restaurant macht aus unserer 14-köpfigen über Facebook zusammengewürfelten Gruppe eine geschlossene Gesellschaft und bewirtet uns (immer getrennt an Zweier- oder Vierertischen sitzend) im Hinterzimmer mit einem 5-Gänge-Menü.

Am Silvestermorgen fallen uns auf dem Markt in Roquetas de Mar viele Marktstände mit roter Unterwäsche auf. Die Tradition besagt, wer sie am Silvesterabend trage, dem sei das Glück im neuen Jahr hold. Micha hat das – mehr oder weniger – frei interpretiert und wird uns berichten.

Auf dem Stellpatz gibt es einen „sala de estar“, den wir für den Silvesterabend reservieren. Mittlerweile bezeichnen wir uns als „einen Hausstand in 5 unterschiedlichen Zimmern, also Wohnmobilen“. Nach gegrillten Sandwichs, Crema Catalana und viel Wein essen wir – gemäß der spanischen Tradition – um 24 Uhr mit jedem Glockenschlag eine Weintraube. Für jede Traube habe ich einen Wunsch frei. Die ersten 5 Wünsche fallen mir noch leicht. Es ist gar nicht so einfach, 12 Trauben in dieser Geschwindigkeit zu vernaschen und gedanklich noch 12 Wünsche zu formulieren.

Den Höhepunkt der spanischen Festlichkeiten bilden der 5./6. Januar. Live bin ich dabei, als die Drei Könige in Frigiliana (ein mehrfach mit dem Titel „schönstes Dorf Andalusiens“ prämiertes Örtchen) mit dem TukTuk durch die engen Gassen auf den Platz der Drei Kulturen kutschiert werden. Dort warten die Kinder des Ortes (mit Abstand und Masken tragend) darauf, ihnen ihre Wünsche vorzutragen in der Hoffnung, daß diese am 6. Januar, wenn es in Spanien die Geschenke gibt, erfüllt werden.

Der Tradition des Roscón de Reyes, des Dreikönigskuchens, der zu dieser Jahreszeit in jeder Bäckerei und in jedem Supermarkt angeboten wird, können wir nicht widerstehen. Der 750 Gramm schwere Kuchen aus Hefeteig sieht mit der Cremefüllung wie ein zu groß geratener Doughnut aus und macht 6 Personen satt. Wer beim Abtrennen seines Stücks auf die kleine Königsfigur trifft, bekommt die Krone aufgesetzt und ist König*in des Abends. Wer die ebenfalls im Kuchen befindliche Bohne findet, ist für die Einladung zum nächsten Dreikönigskuchen zuständig. Ich bin gespannt, ob und an welchem Ort wir sechs den 6.1.2022 feiern werden.

Ich habe beide Male zum richtigen Kuchenstück gegriffen und sowohl die Bohne als auch den König erwischt.

Als Foodscout auf Entdeckungstour der spanischen Lebensfreude

Meinen kulinarischen Horizont erweitere ich beim Gang über den Markt (mercadillo), beim achtsamen Schlendern durch die Supermärkte (supermercado) oder indem ich einfach den Kellner frage, welche lokale Spezialität er mir empfiehlt. Das Fragen auf Spanisch fällt mir leicht, lediglich mit dem Entschlüsseln der Antworten – vor allem durch die Maske (mascerilla) – hadere ich noch. In einer Bar höre auch aus dem Genuschel des Kellners nur „Sangría“,  „Tinto“ und „Verano“ heraus. Mangels besseren Verständnisses bestelle ich eine Sangría – die kenne ich und sie gehört schließlich zu Spanien dazu. Erst beim zweiten konzentrierten Hinhören bestelle ich einen „Tinto de Verano“. Grob gesagt ist es ein „Schorle rot süß mit Eiswürfel“ – eine Getränkemischung, die selbst mir als Schwäbin in Deutschland NIE auf den Tisch gekommen wäre. Mittlerweile bereiten wir den Tinto de Verano aus gekühltem Rotwein mit „La Casera“ (einer spanischen Soda-Marke), einem Schuß Wermut auf Eiswürfel und mit je einer Zitronen- und Mandarinenscheibe frisch zu und unterscheiden uns fast nicht mehr von den Einheimischen, die in den Bars die Sangría den Touristen überlassen.

Tinto de Verano wird in der Bar zusammen mit Tapas (kleinen Appetithäppchen) serviert.

Wer sich auf die andalusische Lebensart einläßt, bekommt vom Bar-Personal einen Carajillo serviert, einen Kaffee mit einem Schuß Brandy oder Baileys.

Die bunten Regenschirme zieren den Marktplatz in Torrox Pueblo während der Feiertage.

Auf dem Markt konnte ich beim Stöbern durch das Obstangebot die Winterfrucht Cherimoya (auf deutsch: Zuckerapfel) probieren. Es dauert ein paar Tage, bis sie matschig reif ist, danach ist es ein Genuß, das an Bananenmus erinnernde Fruchtfleisch zu löffeln und die Kerne – ähnlich wie bei Kirschen – auszuspucken.

Cherimoya schmeckt besser, als sie auf den ersten Blick aussieht.

Eine weitere (nord-) spanische Spezialität entdecke ich im Kühlregal: Für „Cuajada“ wird Schafsmilch aufgekocht und fermentiert. Der Joghurt stockt und schmeckt ähnlich wie Panna Cotta. Der spanische Vegetarier hat es leicht – bedeutet das Wort „Cuajo“ schließlich Lab und weist darauf hin, daß Cuajada nicht vegetarisch ist. Ein Missverständnis, das ich bereits von Parmesankäse kenne und für das Geschmackserlebnis ich bereit bin, diesen „non-veggie-Ausrutscher“ zu akzeptieren.

Die Auswahl an Fisch und Meeresfrüchten ist am Mittelmeer erwartungsgemäß groß. Mich begeistern sowohl die Frisch-Fischtheken in den Supermärkten als auch das Tiefkühlregal beim Discounter. Ich ahne bereits, wie sehr ich als Pescetarierin das Sortiment – und die moderaten Preise – in Deutschland vermissen werde.

Wie Andalusien durch die Pandemie kommt

Die Corona-Infektionen sind über die Feiertage stark angestiegen und die Polizei bzw. Guardia Civil kontrollieren nicht nur die Einhaltung der Maskenpflicht, sondern auch die der Ausgangssperre. Anders als in Deutschland ist Gassigehen mit Hund KEIN Grund, um nach 22 Uhr nochmals vor die Tür zu gehen.

Auf Internetseiten, die sonst auf die Festivitäten und Highlights in Andalusien hinweisen (z.B.: https://www.costanachrichten.com/ oder https://www.andalusien-aktuell.es/) informiere ich mich, was noch gestattet ist oder mittlerweile verboten wurde. Konnte ich in Almería noch unbeschwert bis zum Beginn der Ausgangssperre um 22 Uhr das vorweihnachtliche Treiben in den Straßen genießen, müssen Cafés, Bars und Restaurants nun ab 18 Uhr schließen. Dasselbe gilt für alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte, was dazu führt, daß Discounter zwar geöffnet bleiben, ab 18 Uhr ihren Non-Foodbereich mit rot-weißem Sperrband kennzeichnen, da sie danach nichts von ihren Aktionsangeboten verkaufen dürfen.

Aus meinem Sabbatical-Ziel „Reisen mit dem WoMo“ ist ein „Überwintern auf dem Stellplatz“ geworden. Das hatte ich so nie geplant, doch die unmittelbare Nähe zum Meer, die zahlreichen Sonnenstunden und das stete Ansteigen der Temperaturen von Luft (derzeit 16-20 Grad) und Wasser (ca. 15 Grad) entschädigen mich für diese Planänderung.

Also nutze ich die Zeit, sowohl meine tägliche Yoga-Praxis als auch meine Spanischgrammatik zu verbessern und tausche auf dem Stellplatz Bücher.

Der Zugang zu spanischem Fernsehen wäre in einem Hotel einfacher. Eine Stunde lang durchforste ich die 1.500 Sender meiner SAT-TV-Anlage und hole mir zwei frei empfangbare spanischsprachige Sender nach vorne auf die Senderliste. Da eines der Programme ausschließlich aus Lateinamerika berichtet, war ich eine der ersten, die mitbekommen hat, daß Mexicos Präsident Lopez Obrador an Corona erkrankt ist – falls es noch jemanden interessiert …

Momentan genieße ich, was möglich ist. Ich schicke Dir sonnige Grüße und hoffe, daß meine Berichte Dich unterhalten und Deine Vorfreude steigern auf Andalusien, Spanien oder wohin es Dich als nächstes ziehen wird, sobald das Reisen auch für Kurzzeit-Urlauber wieder möglich ist.

Wenn Dich nun die Sehnsucht nach Strand und Meer überkommt: Ich habe einen meiner abendlichen Sonnenuntergänge mit Meeresrauschen und den Transport der Bohrinsel Ocean Confidence aus dem Hafen von Almería aufgenommen – so etwas sieht man auch nicht alle Tage am Wohnmobil vorüberziehen.

Wenn die andalusischen Reisebeschränkungen wieder gelockert werden, werde ich die Mittelmeer-Küste weiter Richtung Westen fahren. Ich habe noch so viele Sehenswürdigkeiten auf dem Schirm, die von mir entdeckt werden wollen.

Erzähl mal: Welches Ziel steht bei Dir ganz oben auf Deinem Reiseplan?

4 Kommentare

  1. Liebe Uli,
    Ich finde es toll, dass Du nette Menschen gefunden hast mit gleichen Interessen. Das war sicherlich gerade über die Feiertage eine große Bereicherung.

    Genieße weiterhin jeden Tag. Wir sind oft gedanklich bei Dir.

    Hier verpasst du jedenfalls nichts. Zwischenzeitlich darf man nur noch eine Person zu Besuch empfangen. Freunde, Kultur und Musik – alles fehlt soooo!!!

    Ganz liebe Grüße aus Aize!!
    Sabine

    1. Liebe Sabine,
      ja, es ist toll, mit Gleichgesinnten unterwegs zu sein und bei schönem Wetter und an der frischen Luft lassen sich die Einschränkungen, die es in Spanien auch gibt, besser ertragen.
      Daß die Gastronomie um 18 Uhr schließt, macht mir gar nichts aus, danach ist es sowieso zu kalt zum draußen sitzen. Und wenn sonntags eine Band spielt – egal wie schrecklich das Englisch ist, das gesungen wird – merke ich, wie sehr ich das frühere Leben vermisse.
      Herzliche Grüße und genießt die sonnigen Tage derzeit in Deutschland!
      Uli

  2. Happy birthday nachträglich, liebe Ulli!!!
    Ich bin gespannt auf Deinen nächsten Bericht und wünsche Dir vor Allem Gesundheit
    Barbara

    1. Liebe Barbara,
      vielen lieben Dank für Deine Glückwünsche. Mittlerweile kann ich sogar meinen Geburtstag auf die Liste der Feste, die ich in Spanien feiern darf, setzen. Ostern wird in Andalusien mit der Semana Santa ganz groß gefeiert – nur dieses Jahr sind aus bekannten Gründen alle Prozessionen abgesagt worden. Schon ein Grund mehr, hierher zurückzukehren.
      Ich freue mich, daß Du an mich gedacht hast und mich auf meiner Reise virtuell begleitest.
      Liebe Grüße ins hoffentlich auch gerade frühlingshafte Eschborn an Dich und Deine Familie
      Uli

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