Eine Stadt verzaubert: Kirchen, Kunst, Kultur und Kneipen in Vilnius

Was für mich zuerst wie ein römischer Feldherr aus dem Geschichtsunterricht klang, ist der Name der Hauptstadt von Litauen. Vilnius hat mein Herz im Sturm erobert.

Parken und Übernachten

Mit der Suche nach einem Stellplatz hat meine Begeiserung begonnen. In dem Kurort Druskininkai bin ich mit vollem Benzin- und Wasser- und leerem Abwassertank losgefahren – bereit für das nächste Freisteherlebnis. Über die App Park4Night hatte ich mir einen kostenlosen Parkplatz ausgesucht – der lag allerdings 2,5 km außerhalb des Stadtzentrums und es hat geregnet. Ich verspürte keinerlei Motivation, mit dem Fahrrad, Monowheel oder zu Fuß die Stadt zu erkunden.

Also wieder die App angeworfen und im Angebot gestöbert. Hierbei bin ich auf Barking gestoßen – ein Startup aus Estland, das sich effektive Parkraumbewirtschaftung auf die Fahne geschrieben hat, also Parkplatz-Sharing. Für mich als Nutzer funktioniert das so: Barking-App runterladen, Suchfunktion aktivieren und Konditionen checken. Gesagt, getan, hingefahren. Der Parkplatz liegt im Innenhof eines Kulturvereins, von außen kaum einsehbar. Dessen Schranke öffne ich mittels App (ich hatte so ein „Sesam-öffne-Dich“-Gefühl). Konditionen: 3,50€ pro 24 Stunden, Mülltonnen in der Nähe und sogar eine Grünfläche mit Baum habe ich vor meiner Tür – das ist gut fürs Gemüt und ansprechender beim Frühstücken. Die Lage: MITTEN IN DER INNENSTADT – 3 Gehminuten vom Kathedralenplatz entfernt.

Mein Besuch in Vilnius geht mit dem perfekten Parkplatz gut los!

SAT-Empfang ist aufgrund der Häuser und Bäume Fehlanzeige, allerdings bietet mir das daneben liegende Kulturzentrum freies WLAN mit einer guten Geschwindigkeit an. Kann mein Aufenthalt in Vilnius noch besser werden?

Kulturhauptstadt? Eindeutig Kirchenhauptstadt!

Irgendwo habe ich gelesen, Vilnius habe mehr Kirchen als Rom. Wahrscheinlich stammt dieser Satz von Besuchern aus dem Jahr 2009, als Vilnius zusammen mit Linz Kulturhauptstadt war. Diese Kirchen gab es damals alle schon und auch ich habe vergessen, ob ich diese oder jene Kirche schon mal aus einer anderen Perspekte gesehen und fotografiert habe. Kasimirkirche, Johanniskirche, Annenkirche, Bernhardinische Kirche, Michaeliskirche, Theresienkirche, Katharinenkirche, Heiliggeistkirche (orthodox), Dreifaltigkeitskirche, Nikolaikirche und die Kirche mit dem Carillon-Glockenspiel jeden Tag um 13:00 und 19:15 Uhr usw. Irgendwann habe ich aufgegeben, in jede Kirche reinzuwollen. Also Kirchenliebhaber aufgepaßt: DAS ist Deine Stadt – egal welcher Religion Du angehörst.

Eine Kirche erwähne ich doch: die Kathedrale, an dieser kommt niemand vorbei. Der Kathedralenplatz mit dem Glockenturm ist ein zentraler Ausgangspunkt. Von dort geht die Haupteinkaufsstraße Gedimino prospektas ab, wird der Gediminas-Hügel erklommen und starten die Touren in die Altstadt. Auf dem Platz vor der Kathedrale gibt es einen Wunschstein. An dieser Stelle begann 1989 die Menschenkette, die sich bis nach Tallin in Auflehnung gegen das Sowjet-Regime gebildet hatte.

Wer sich auf den Stein „Stebuklas“ (=Wunder) stellt, einen Wunsch hat und sich zwischen einem und drei Mal in Richtung oder auch in Gegenrichtung des Uhrzeigersinns (je nachdem, wen ich frage) drehe, dessen Wunsch wird erfüllt werden. Du merkst schnell, selbst die neuzeitlichen Überlieferungen haben Schwächen. Ich habe mich sicherheitshalber in beide Richtungen jeweils dreimal bewegt. Und wenn ich am 30.4.2021 mit meinem Wohnmobil wieder heil zu Hause ankomme, kann ich bestätigen, daß das mit dem Wunschstein funktioniert!

Die Kathedrale von Vilnius: Eindrucksvoll bei Sonne, Regen und vor allem bei Nacht.

Eine Stadt zum Wohlfühlen

Selten habe ich in einer Stadt so viele Kleinigkeiten entdeckt, die das Leben für Einheimische und Touristen lebenswert macht. Das fängt mit dem Parkplatz-Sharing über Barking an und geht mit diversen Büchertauschregalen weiter.

Schade, daß die meisten Bücher in Sprachen sind, derer ich nicht mächtig bin.

Vilnius ist auf Touristen eingestellt. Viele Schilder sind auf Litauisch und Englisch verfasst. Die Infoblätter in einer Kirche sind auf Kunststofftafeln in gängigen Sprachen gedruckt mit der Bitte, diese nach Gebrauch zu desinfizieren und zurückzulegen. Aber wer schon mal in einem Solarium war, kennt das: Ich mach das lieber selbst vor dem Lesen nochmal – trotzdem ist dieser Service banal einfach!

Ich muß mir bei den heißen Temperaturen auch keine Sorgen um mein Trinkwasser machen. An jeder Ecke gibt es Trinkwasserbrunnen. Na gut, zum Abzapfen fürs WoMo taugen sie nicht 😉 aber dafür nutzen gewiefte Camper bevorzugt die Brunnen in Friedhöfen – habe ich gehört …

Am Samstagabend wollte ich die Zeit bis 19:15 Uhr für das Carillon-Konzert an der Phillip- und Jakobuskirche überbrücken und bin eher ziellos mit dem Monowheel durch die Stadt gerollert, als ich Musik und anfeuernde Rufe hörte. Keine Ahnung, ob das erst mit Corona angefangen hat, aber die Litauer haben ihre Fitness-Sessions ins Freie verlegt. Für mich wurde wie auf Knopfdruck gerade eine Hängematte frei und so konnte ich den trainierenden Damen zuschauen, der fetzigen Musik lauschen und die Sonne genießen.

Jede/r definiert seine Erholung anders … die eine in der Hängematte, die anderen beim Zumba.

Versumpfen und Vogelperspektive

Vieles, was ich über Vilnius gehört und gelesen hatte, bezog sich auf die Schönheit der Altstadt. Mehrmals habe ich sie durchquert, mit dem Regenschirm, mit dem Monowheel und abends zu Fuß. Jedes Mal habe ich wieder neue Ecken entdeckt. Manche Tische werden abends rausgestellt oder ich werde erst durch die Beleuchtung darauf aufmerksam, was im Hinterhof geboten wird. Ich weiß jetzt schon, daß ich diese nächtliche Atmosphäre vermissen werde.

Mit dem Monowheel habe ich einen Ausflug ins „moderne“ Vilnius auf der Nordseite entlang des Flusses Neris gemacht. Skaterpark, Volleyball-Felder, Einkaufszentren, Hochhäuser – alles da. Von der Skyline erinnert es mich ein wenig an Frankfurt.

Mehrere Hügel bieten einen aussichtsreichen Blick über die Stadt.

Sonntags haben die Läden geschlossen …

… dachte ich. Nach meinem ersten Supermarktbesuch in Litauen war ich vom mageren Obstangebot enttäuscht. Ich fragte mich sogar, ob die Saison für Heidelbeeren vielleicht schon vorüber sei. Also auf zum Markt Kalvarijų hinter den Hochhäusern! Jetzt weiß ich, Heidelbeeren sind noch hoch im Kurs. Im Kaufrausch habe ich mich über den günstigen Preis für Kirschen gefreut. So viel preiswerter als in Polen! Leider habe ich erst im WoMo gemerkt, daß ich kiloweise Sauerkirschen gekauft habe.

Bei Obst und „Sakotis“ (dem litauischen Tannenbaumgebäck) habe ich zugegriffen, die Bratwurst habe ich mir verkniffen.

Und ja: die meisten Läden haben in Vilnius auch sonntags geöffnet – kein Grund, nervös zu werden.

Flucht in die Engelsrepublik

Was Christiania für Kopenhagen ist, bedeutet Užupis für Vilnius. Na ja, nicht ganz. Der kleine Stadtteil hat sich am 1. April 1997 für „unabhängig“ erklärt, eine Verfassung mit 41 Artikeln in 23 Sprachen (inkl. Latein) abgefasst und ist das i-Tüpfelchen, das eine Stadt, die fast alles bieten kann, perfekt macht. So viel Rebellion ist erlaubt und irgendwo wollen Künstler und Weltverbesserer (der Dalai Lama ist Botschafter und Ehrenbürger) auch vertreten sein.

Der Engel von Užupis ist seit 2002 das Wahrzeichen der Republik.

Apropos Kunst: Neben den zahlreichen Kirchen und Museen (die wollte ich mir für Regentage aufsparen) wurde mein Auge durch Freiluftkunst entzückt. Manches steht nur temporär, wogegen ein Denkmal von Frank Zappa dauerhaft von seinen Fans aufgestellt wurde, obwohl Zappa selbst nie in Vilnius gewesen sein soll (wer mein Foto von der Statue erhalten möchte, bitte melden – ich fand’s nicht spektakulär!)

Ich habe gar nichts über die bekannten Highlights von Vilnius erzählt. Die Margutis-Skulptur, die Drei Kreuze, das Tor der Morgenröte oder wenigstens der Gediminas-Turm. Sieh es mir nach: Ich schreibe keinen Reiseführer – darin sind andere erfahrener als ich. Ich möchte Dich neugierig machen, diese Stadt selbst zu entdecken. Diese Highlights werden auf Dich warten und ich hoffe, meine Begeisterung springt auf Dich über.

Wie geht es weiter?

Ein paar Kilometer nördlich von Vilnius liegt „Der Mittelpunkt Europas“. Laut Internet habe er montags (also heute) geschlossen. Dann hebe ich mir das zusammen mit dem Europos Skulpturenpark (mit einem Labyrinth aus ausgedienten Fernsehern) einfach für meinen nächsten Besuch auf.

Ich mache mich mit einem Zwischenstop in Kaunas auf ans Meer – die Kurische Nehrung lockt.

4 Kommentare

  1. Vielen Dank, du Liebe, für das anteasern. Bei mir hat’s geklappt. Ich denke schon länger an Estland, Lettland, Litauen. Liebe Grüße Carmen

    1. Liebe Carmen,
      dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich kann Dir nur zuraten und hoffe, daß das Baltikum für alle Reiseinteressierten bald wieder unbeschwert möglich sein wird.
      Liebe Grüße
      Uli

    1. Hallo Udo,
      ja, das war mit eines meiner Highlights bisher. Von Vilnius nach Riga sind es übrigens nur 300 km – das kann man auch mal in einem „normalen“ Urlaub miteinander verbinden.
      LG, Uli

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